Re:publica 2012: Mehr Internet wagen!

Von Thomas Greis

Wir sind ein Fotoladen. Im Internet. 70 Prozent des Umsatzes läuft über den Online-Shop. Tendenz steigend. Auf der re:publica 2012 in Berlin haben wir von Enjoyyourcamera reingehört, was die Internetgemeinde über Techniktrends, Netzsicherheit und digitale Teilhabe zu berichten hatte.

Der alte Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg schmückte sich an diesen sonnigen Frühlingstagen mit silbernen Würfeln und bunten Stühlen. Eine Universität auf Zeit hatte man vom 2.-4 Mai 2012 aus diesen riesigen Hallen gezaubert. Acht Bühnen. 200 Stunden. 300 Referenten. 4.000 Teilnehmer. 20.000 qm Fläche. Und das alles nur, um über das Internet zu sprechen.

Alles bunt, alles fließt

Die Massen flossen gut gekleidet und mit Laptops bewaffnet problemlos durch die Hallen, meist mit farbenfrohen Stühlen auf dem Rücken. „Floating Chairs“ nennen die Designer des raumlaborberlin das Konzept, das Menschenströme und Bestuhlung der Räume intuitiv steuern lässt. Deliberative Demokratie schon mal offline.

Die silbernen Würfel beherbergen Sponsoren, welche mit Tischfussball, Getränken und Geschenken die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zu ziehen versuchten. In der Mitte der großen Halle erheben sich zwei Berge aus dunkelbraunen Multiplex, die während der Konferenz von einem Teilnehmer liebevoll Affenhügel getauft wurden.

Mehr experimentieren, mehr ausprobieren

„Mehr Mut!“ gegenüber dem Internet und seinen Möglichkeiten, war der unüberhörbare, wenn auch unausgesprochene Slogan der re:publica 2012. Die Veranstalter nannten es: Action! Mehr experimentieren, mehr ausprobieren, weniger zaudern. Die Internetszene traf sich in bestgelaunter Aufbruchstimmung.

Nicht nur mehr Teilnehmer zieht die Veranstaltung an (vor zwei Jahren waren es noch um die 1.500 Teilnehmer) und gewichtige Redner wie Sascha Lobo, Steffen Seibert und Marina Weisband, sondern auch immer mehr große Partner, wie das ZDF, die ARD, Spiegel-Online und die Deutsche Welle zeigen sich interessiert an dem hauptsächlich jungen, internetaffinen Publikum. Wäre Willy Brandt heute noch Kanzler, er hätte hier sicher das Motto Mehr Internet wagen! an seine Mitbürger herausgegeben.

Was ist also noch drin in diesem Internet?

Mehr Mut!, da viele in Deutschland immer noch überaus skeptisch dem interaktiven Medium Internet gegenüberstehen. „Über 30 Millionen Menschen haben überhaupt keine Verwendung des Internets, ein weiterer großer Teil nutzt das Internet höchstens einmal pro Woche“, so Sascha Lobo, der Internetguru, der immer dann gefragt wird, wenn man das Netz in Deutschland nicht versteht. Die Angst vor dem neuen Medium mit seiner ihm eigenen Sprache und Dimension ist groß. Die Chancen, die diese neuen Medien mit sich bringen ebenso.

So wird neidvoll in die USA geschielt, wie dort die Vernetzung über das Internet neue Märkte und Möglichkeiten eröffnet. Dort finanzieren sich viele Kulturprojekte heute schon allein über den Zuspruch und Gelder der Internetnutzer via Crowdfunding. Es gibt Buchprojekte oder Firmengründungen, die um ein Vielfaches dessen gefördert wurden, was eigentlich benötigt wurde. Ein Beispiel, die Seite kickstarter.com.

Wer entschlüsselt die neuen Medien?

Das große Rätsel, das über den neuen Medien hängt, ist, wie kann man sie erfolgreich nutzen kann und jeglichen leeren Technikhype vermeidet. Einfach mal was twittern oder auf Facebook eine Seite einrichten, das genügt nicht. Kommentare zum Wahlkampf in NRW, bei denen die Parteien die neuen Kanäle für alte Wahlpropaganda verwenden, blasen nur die alte Musik in neue Kanäle, wie Lenz Jacobsen im Politik-Blog auf Zeit-Online schreibt.

So fragt Andreas Rother für das ZDF in einem Vortrag direkt nach „Was würdet ihr euch von einem Twitter-Kanal bei uns wünschen“ oder sucht Tina Lorenz, die Rednerin des Münchner Residenztheaters, nach Möglichkeiten vor allem jüngere Nutzer wieder stärker für die Bühne zu gewinnen. Alte Medien treffen neue Medien, nicht als Konkurrenz sondern in Kooperation. Was kann man zusammen machen, ist die Frage? Und welches Medium taugt schließlich zu was?

Enjoyyourcamera und das Netz

„Mehr Experimentieren!“, könnte das Motto heißen, das Motto des Unfertigen, des Neuen, der vielen Möglichkeiten. Was wir als Enjoyyourcamera und Fotoausrüster im Netz aus Berlin mit nach Hannover mitnehmen, ist diese Botschaft. Das Internet verkürzt Wege zwischen Menschen, es ist die Eisenbahn des 21. Jahrhunderts. Wie können wir also unser Angebot neu denken, unsere Kunden stärker einbeziehen, mitentscheiden lassen und alles obendrein dennoch leichter und unkomplizierter machen.

Unser (vorläufiger) 3-Punkte-Plan:

1. wollen wir mit den sozialen Medien verstärkt das tun, was sie am besten können: Eine breitere Teilhabe an Entscheidungsprozessen der Firma ermöglichen, ein direkteres und interaktives Feedbackportal schaffen und die Produkt- wie Firmenpräsentation verstärken. Was wir weiterhin nicht machen wollen, ist, die sozialen Medien als Marketingkanal zu verwenden. Wir wollen in erster Linie zuhören, diskutieren und uns inspirieren lassen. Gewinnspiele soll es, wenn überhaupt, nur auf drängende Anfrage geben.

2. werden wir mehr darauf achten müssen, über welche Kanäle die Informationen in Zukunft fließen, das heißt welche digitale Technik es geben wird. Wo wird in den nächsten Jahren eingekauft werden, am TV mit Internetanschluss, auf dem Tabletcomputer oder auf dem Smartphone? Wie wird man in Zukunft besser die Dinge im Netz finden, die einem helfen, Situationen besser zu meistern oder Möglichkeiten zu erweitern. Wir denken darüber nach, die Webseite stärker daraufhin auszurichten. Passives Marketing nennen wir das, Hürden zu reduzieren und Zugänge einfach, elegant und geschmeidig zu halten.

3. werden wir uns noch mehr mit Netzsicherheit auseinandersetzen – und den 30 Millionen, die das Netz nicht nutzen. Das Medium im Allgemeinen und unsere Angebote im Speziellen muss mit realistischen Einschätzungen begegnet und Ängste gegenüber dem Digitalen ernst genommen werden. Das Netz ist ein Ort, wo Menschen miteinander kommunizieren, Dinge aushandeln und Absprachen treffen. Wer weiß, wie er seinen Computer schützt, seine Daten sicher verwahrt und sein Geld wie Waren alle Ziele sicher erreichen, wird sich leichter und sicherer im Netz bewegen.

Wo geht es hin: Online, offline.

Soziale Medien sind ein wichtiger Teil, der uns zu verstehen hilft, warum etwas lieber nicht geklickt oder nicht gekauft wird, was wir einkaufen sollten und was wir machen können, Vertrauen zu gewinnen und Zuverlässigkeit zu garantieren auf allen Medien, die uns helfen unseren Alltag besser zu meistern.

Wichtig für uns ist natürlich – und hier haben wir wieder die 30 Millionen im Blick – auch die Wege weiter auszubauen, die uns der konventionelle Handel bietet. Versandkataloge, Kooperationen mit Händlern, neue Läden vor Ort, dass alles was wir als Fotoausrüster anbieten, immer auch angefasst und ausprobiert werden kann. Für alles Sinnliche steht das Internet noch nicht bereit. Dafür braucht es das Leben, offline.

Links

Unsere Bilder der re:publica 2012 http://bit.ly/KZsjWO
Vortrag Sascha Lobo „Stand des Internets 2012“ http://spon.de/vfaOJ
Offizielle Webseite re:publica 2012 http://re-publica.de/12/
Offizielle Bilder der re:publica 2012 http://www.flickr.com/photos/re-publica/

Galerie

2 Gedanken zu “Re:publica 2012: Mehr Internet wagen!

  1. Hey, ich bestelle immer gern bei euch, ihr so viel schöne kleine Dinge die es sonst nicht so gibt. Das ihr euch über das eigentliche Tagesgeschäft hinaus mit dem Netz und seinen Auswüchsen beschäftigt zeichnet euch dann aber noch mal um so mehr aus!

  2. Guter Artikel, guter Ansatz.
    Ich finde auch, dass die sozialen Medien nicht zur Marketingschlacht ausgenutzt werden sollen. Vielmehr ist den Nutzern und Kunden der persönliche (und schnelle) Kontakt wichtig, dass der Einzelne gesehen und individuell behandelt wird. Das habe ich erst kürzlich wieder festgestellt, als es um eine iPad Hülle ging. Der Hersteller reagierte schnell und verbindlich und persönlich auf meine Ausführungen und ich merkte, dass ich mich sofort gebundener fühle.
    Natürlich ist das ein Fullttimejob und es wird sicher nicht jede Firma das Potential erkennen und dafür einen Mitarbeiter anstellen, aber vielleicht seid ihr ja mit dabei.
    Es gefällt mir, dass ihr Euch nicht hinsetzt und Euch ausruht, sondern immer verbessern wollt!
    Viel Erfolg!

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