Lensbaby Composer: 50mm gar nicht Standard

Autor: Ilka Siegling

Letzte Tage hatte ich Gelegenheit, das „Lensbaby Composer“ zu testen, hier möchte ich meine Erfahrungen, und auch den Spaß den ich dabei hatte, (mit)teilen.

Lensbabys zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen nahezu frei wählbaren Bildbereich scharf abbilden und zum Rand hin eine starke bis extreme Unschärfe aufzeigen. Mit dieser Abbildungsart gewinnt man einen ganz neuen Gestaltungsspielraum. – Bei uns im Shop finden Sie das Lensbaby Composer mit Nikon-, Canon– und mit Sony-Anschluss.

 

Lensbaby

Lensbaby Composer

 

An der Kamera macht das Lensbaby auf mich ein wenig den Eindruck eines Rüssels. Die in einem Kugelgelenk sitzende Linse lässt sich vor der Kamera hin und her bewegen – es wirkt fast, als könne man „um die Ecke“ fotografieren. Das jedoch geht nicht, es ist der Fokuspunkt, der sogenannte „Sweetspot“, den man durch Bewegen des Kugelgelenks im Bildausschnitt verschiebt.

Technisch gesehen hat das Lensbaby hat eine Brennweite von 50mm, die mitgelieferten Blendenringe werden von Hand vor die Linse in die Optik eingelegt. Als Offenblende (ohne Blendenring) hat es eine Blende von ca. f/2; die Blendenringe sind in ganzen Blendenschritten abgestuft von f/2.8 bis f/22. Trotzdem das Lensbaby mit verschiedenen Kameraanschlüssen erhältlich ist, ist es eine manuelle Optik. Fokussiert wird, indem man an dem vorderen Ring des Lensbabys dreht. Soll der Sweetspot nicht in der Bildmitte liegen, verschiebt man ihn, indem man den „Rüssel“ des Lensbabys in die Richtung schwenkt, in der man den Schärfepunkt setzen möchte. An dieser Stelle justiert man den Fokus noch einmal nach.

Je nach verwendeter Blende fällt die Schärfe zu den Rändern hin unterschiedlich schnell ab und sie bekommen einen weichen, verwischenden Eindruck. Um den aktuellen Sweetspot zu fixieren, arretiert man den kameranahen Ring. Bei der Belichtung funktionieren der manuelle Modus der Kamera und die Zeitautomatik.

 

Herbststurm

Einfach mal draufgehalten: Herbststurm im Hinterhof

 

Apropos, die Beispielfotos, die ich hier zeige, sind in Farbe und Kontrast etwas nachbearbeitet, das Wetter zauberte nicht gerade farbenfrohe Bilder. Wenn nötig, habe ich die Fotos etwas begradigt, sie zeigen aber außer durch Drehung entstandene Ausschnitte den vollen Bildbereich einer Canon 5D mit dem durch das Lensbaby entstandenen Effekt.

Soviel zur theoretischen Funktion; nun auch mal zur praktischen. Ich stellte mir die Frage, was ich mit dieser speziellen Bildhaptik abbilden könnte. So mitten in Hannover wohnend, entschied ich mich für die Innenstadt, dort das bunte Treiben vorm Bahnhof und in den Einkaufsstraßen einzufangen. Auf dieser Tour begleitete mich eine Vollformatkamera, bei der das Lensbaby einer „Normalbrennweite“ entspricht. Auf Kameras mit APS-C-Sensoren wird das Lensbaby umgerechnet zu einer ca. 80mm-Optik, was schon eher einer „Portraitbrennweite“ entspricht und einen entsprechend anderen Gestaltungsspielraum bietet.

Schon auf dem Weg zum Bahnhof kamen die ersten Ideen, beispielsweise diese an mir vorbeirauschenden Fahrradfaher.

 

auf dem Weg

Auf dem Weg: überholt von rasenden Radlern

 

Die Dynamik, die die Optik reinbringt, lies mich diesen Effekt in verschiedenen Situationen ausprobieren. Erst einmal ganz „statisch“, indem ich dass Ross vor dem Hauptbahnhof durch Wechsel der Blende unterschiedlich schnell auf mich zustürmen ließ.

 

rasant

rasanter Eindruck bei Blende f/8

 

 

 

rasanter

und es geht noch schneller: mit Blende f/2.8

 

Und als nächstes wende ich mich dem alltäglichen menschlichen Treiben der Fußgängerzone zu.

 

eiliges Flanieren

Strömen Richung Einkaufsstraße

 

 

trepp ab

Trepp ab in die Einkaufspassage

 

Bewegung zu einem ruhenden Punkt hin, eine spannende Sache. Hat etwas von  Bewegungsunschärfe, die jedoch sowohl im Vorder- als auch im Hintergrund liegt. Bisweilen ergeben sich sogar gegenläufig wirkende Bewegungen.

 

fast schon wie Geister

als käme die Straßenbahn aus einem Wirbel heraus

 

Könnte ich eigentlich auch mal zum Freistellen ruhender Punkte nutzen…

Sehr passend stellte sich ein Fotograf zwischen mich und den Bahnhof, diese Chance wollte genutzt werden. Sowohl „unser König“ als auch der Fotograf sollen Scharf im Bild sein, der Rest ist Hintergrund bzw. Beiwerk und darf in der Unschärfe verschwinden, ganz persönlich gefiel mir diese Art der Freistellung der Szene!

 

Fokus setzen

ich bin nicht die Einzige, die dieses Motiv wählt..

 

Und der Zufall spielte mir noch einmal zu. Die beiden Beobachter, die ich zwischenzeitig hatte, ermöglichten mir eine weitere Möglichkeit: Freistellung eines Portraits. Danke dafür!

 

Portrait

berauschende Wirkung😉

 

Beim weiteren Spazieren durch die Innenstadt fand sich wieder eine andere Art Motiv: Die Baustelle des Kröpcke-Centers, die mir eine weitere Sichtweise durch das Lensbaby ermöglichte. Abriss und Bagger: im Stillstand an einem Wochenendnachmittag recht langweilig — aber mal anders, nämlich durch das Lensbaby betrachtet, kommt da ganz schön rums rein!

 

im Zentrum

Im Zentrum dieser Zerstörung...

 

 

abrissaktivität

Gut was los -- am Wochenende!

 

Zugegeben, ich war dem Lensbaby gegenüber zunächst skeptisch, aber die Vielseitigkeit, die es mir auf dem doch recht kurzen Ausflug zeigte, hat mich überzeugt. Die Schärfe nur in einem Bildpunkt zu bündeln gibt dem Fotografen ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten, sowohl beim Freistellen bestimmter Bildbereiche als auch im Verleih einer gewissen Dynamik, die sogar bei statischen Dingen Wirkung zeigt. Bei einem Bummel mit einer „normalen“ Optik hätte ich heute wohl keine einzige Aufnahme geschossen.

Effekthascherei? Wie jeder Effekt kann man auch das Lensbaby überstrapazieren und man sollte wissen, was man damit abbilden will; aber muss man das extra erwähnen? Es ist eine von vielen Möglichkeiten, seine Umwelt zu sehen und festzuhalten, ebenso wie Bewegungsunschärfe durch Langzeitbelichtung, extreme Durchzeichnung aller Bildbereiche durch DRI, hyperreale Farben oder auch Unschärfen durch Offenblende — all dieses zeigt die Welt nicht, wie wir sie mit bloßem Auge sehen, es zeigt einen Ausschnitt, den der Fotograf auf seine eigene Art präsentieren möchte.

Das Lensbaby bietet eine weitere Möglichkeit der Bildgestaltung, eine die mir großen Spaß gemacht hat und mit der ich gewiss nochmal losziehen werde! Und vielleicht habe ich ja den einen oder anderen von Ihnen auch neugierig machen können, einen neuen Blick zu wagen.

In diesem Sinne:
Gut Licht und Offenheit für Inspiration

Ilka Siegling

3 Gedanken zu “Lensbaby Composer: 50mm gar nicht Standard

  1. Hallo zusammen,

    ein schöner Bericht, der Lust auf die Lensbabes macht. Ich habe aber leider feststellen müssen, dass mir bei den Links nur eine Fehlermeldung angezeigt wird.

    Bester Gruß,
    Sebastian

  2. Guter Artikel!

    Habe vor ca. einer Woche ein Lensbaby Muse als Geschenk bekommen und bin recht angetan davon.
    Natürlich erfordert es eine gewisse Eingewöhnungsphase, aber man hat recht schnell den Bogen raus.
    Auch muß man ein Auge dafür haben/bekommen was sich als Motiv eignet.

    Und wie treffend im Artikel erwähnt: Man sollte aufpassen, daß man das Objektiv nicht nur des Effekt wegens einsetzt, sondern es gezielt für die Bildgestaltung verwendet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s